26. Juli 2019

Den Menschen Sinn vermitteln


Volker Hassenpflug war 13 Jahre lang Berufsschulpfarrer am Berufsbildungszentrum (BBZ) in Völklingen. Jetzt wechselt er zum 1. August als Gemeindepfarrer nach Saarlouis.

„Die Gärtnerehre ist die, den Garten dann weiterzugeben, wenn es blüht.“ Mit dieser Metapher erklärt Pfarrer Volker Hassenpflug seinen Schritt.  „Ich habe jetzt einen Status erreicht, wo alles gut ist. Wir haben so viel evangelischen Religionsunterricht an den Berufsschulen im Saarland, wie noch nie.“

Er kann das beurteilen. Denn Hassenpflug war auch Bezirksbeauftragter an den Berufsschulen in den Kirchenkreisen Saar-Ost und Saar-West. Seit 2011 koordinierte er die Pfarrer im Saarland, die evangelischen Religionsunterricht an Berufsschulen geben. Das sind inzwischen 16 an den 20 Berufsschulen - eine Dichte wie sie nur selten in Deutschland zu finden ist. Etwa noch einmal so viele grundständig ausgebildete Lehrer unterrichten an der Saar in Berufsschulen Religion. 18 der Schulen liegen auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche des Rheinlands, zwei gehören zur Evangelischen Kirche der Pfalz.

"Der einzige Kontakt zur Kirche"

Der Mann mit der wilden Haarpracht, Bart und runder Hornbrille hat fast sein ganzes bisheriges Berufsleben als „Reli-Lehrer“ an Berufsschulen verbracht. Nach Studium in Bochum und Wuppertal war er in Remscheid sowie im Westerwald tätig, wo er auch schon drei Jahre an einer Berufsschule lehrte. 2006 kam er ins Saarland.

Hier hat er sich voll und ganz den jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 25 gewidmet. „Wir wollen Religionsunterreicht anbieten, weil der Reli-Unterricht häufig der einzige Kontakt zur Kirche ist, den die jungen Menschen haben. Das ist ein Alter, wo Kirche häufig nicht vorkommt. Da wollen wir präsent sein“, sagt Hassenpflug.

An entscheidender Stelle hat er an einem neuen Lehrplan für „Reli“ im Saarland mitgeschrieben: „Es geht darum, dass man die Fähigkeit besitzt, Probleme oder Fragen, die sich mir in meiner Lebenswirklichkeit stellen, religiös beantworten zu können und in den Dialog mit anderen zu treten“.

Im Klassenzimmer hat Hassenpflug zwar eine Veränderung der „Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler“ festgesellt. So habe es vor 16 Jahren noch kaum ein Smartphone, gegeben, mit dem man auch im Unterricht schnell auf eine Ressource zurückgreifen könne. „Heute gehört das Handy aber zum Schüler dazu.“ Auch Netzwerke wie Instagram und Facebook spielten für die jungen Menschen eine entscheidende Rolle. Vielleicht seien sie „für kürzere Phase konzentrierbar“ als früher.

Grundsätzlich hätten sich die Schülerinnen und Schüler aber nicht verändert. „Sie sind weiter auf der Suche nach dem, was sie trägt, was ihnen Sinn gibt“, sagt Hassenpflug. Viele hätten in der Schule die gleichen Dinge erfahren wie früher: „Ihr könnt nichts und ihr seid nichts.“ Daher bleibe es genauso wichtig, die Schüler zu ermutigen, den Kern von sich zu finden. Heute würden die Schüler zudem Ungerechtigkeiten, etwa Pöbeleien oder Diskriminierungen, stärker wahrnehmen, weil sie dafür sensibilisiert worden seien.

Ein Fach wie jedes andere

Den Religionsunterricht sieht Hassenpflug als mindestens genauso wichtig an wie andere Fächer. In den Allgemeinen Berufsschulklassen, wo die jungen Menschen ihren Haupt- und Realschulabschluss oder sogar ihr Abi machen, sei „Reli“ ein Fach wie jedes andere. Die Auszubildenden, die eine duale Ausbildung absolvierten, dächten dagegen oft: „Das brauche ich ja gar nicht für meine Ausbildung!“. Hassenpflug hat aber festgestellt, dass viele Arbeitgeber  auf die „Reli-Note“ heutzutage mindestens genauso viel Wert legen wie auf die in Mathe oder Englisch. Für sie sei diese ein Indiz dafür, ob ein Mitarbeiter auch empathisch mit seinen Kollegen umgehen könne.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund drastisch verstärkt. Am BBZ-Völklingen gebe es drei reine „Flüchtlingsklassen“. Da leiste der „Reli-Unterricht“ einen großen Integrationsbeitrag, sagt der Theologe. Viele junge Menschen etwa aus Syrien, Eritrea oder Rumänien kämen mit der anerzogenen Grundhaltung: „Das ist richtig und das ist falsch!“ Erst in Deutschland lernten sie Werte wie Religionstoleranz kennen. Hier werde ihnen schnell klar, dass das, was sie gelernt haben, zwar richtig ist, aber das andere nicht falsch sein muss. Eine wichtige Erfahrung sei: „Der andere macht das anders, aber ist trotzdem nett.“

Der Abschied von der Schule fällt Hassenpflug nicht leicht. Ein bisschen „melancholisch“, sei er schon. Er habe viel mit den Schülerinnen und Schülern erlebt und viel Spaß gehabt. „Das sei ihm „Motivation gewesen, jeden Morgen in die Schule zu kommen“. Auch der Abschied von den Lehrenden falle ihm nicht leicht. Oft sei er mit zu Krisengesprächen gebeten worden, „weil die wussten: der ist Pfarrer“.

Aber jetzt sei für ihn der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel, nicht nur persönlich. Denn auch bei der Organisation des Religionsunterrichts gebe es eine „Zäsur“. Bis 2030 würden die Pfarrstellen heruntergefahren, analog zu den in den Gemeinden auch die in der Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge sowie die im Bildungsbereich. Dies bedeute, dass der „Reli-Unterricht“ noch stärker als bisher von Lehrerinnen und Lehrern übernommen werden müsse. Und die müssten dafür „nachqualifiziert“ werden „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, das in andere Hände weiterzugeben“, sagt Hassenpflug.

Hassenpflug hofft, dass er die Erkenntnisse und Erfahrungen als Berufsschulpfarrer auch in seiner neuen Gemeinde in Saarlouis einbringen kann. Denn dort stehe er vor der gleichen Aufgabe, den Menschen Sinn zu vermitteln, etwa wahrzunehmen, dass Dinge eine Metapher zu Gott seien. Der einzige Unterscheid sei, dass die Schüler wahrscheinlich deutlich jünger seien als die meisten Gemeindemitglieder und letztere erstmal freiwillig und nicht aus Zwang kämen. Jörg Fischer



In einem feierlichen Gottesdienst am Sonntag, 8. September, wird Volker Hassenpflug vom Superintendenten des Kirchenkreises Saar-West, Christian Weyer, in sein neues Amt als Gemeindepfarrer eingeführt. Die Feier beginnt um 14 Uhr in der evangelischen Kirche in Saarlouis. Anschließend lädt das Presbyterium zu einem Empfang ein.

 

 





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