12. Mai 2019
Barbara Wehlen-Leibrock zu einem aktuellen Thema:

Der Hirte und sein Schäflein


Der alte Schäfer stand auf der Weide und schaute über seine Herde. In Reih und Glied standen seine weißen Schäflein und blökten fröhlich im Sonnenlicht.

Er ließ seinen Blick schweifen, bis sein Blick am Zaun hängen blieb. Dort war ein großes Loch. Hastig zählte er seine Schafe nach und tatsächlich, es fehlte eines. Er rief seinen Hund und machte sich auf die Suche nach seinem verloren gegangen Schaf. Er durchwanderte die Täler, stieg die Berge hinauf und hinab, bis er sein Schäfchen fand. Es stand auf einer Wiese im Sonnenlicht und knabberte vergnügt am frischen Gras. „Was ist an diesem Gras anders als an dem Gras auf meiner Weide“, fragte der Hirte sein Schaf. „Warum bist so weit gegangen, um hier im Sonnenlicht zu stehen?  Scheint nicht dieselbe Sonne auch auf meine Wiese?“ Das Schaf grinste vergnügt und sagte „Das ist meine Wiese und über mir ist nur der Himmel. Hier kann ich ich selbst  sein“. „Hast du bei mir nicht alles gehabt, was du gebraucht hast ?“fragte der alte Schäfer. „Doch“, sagte das Schaf „dafür bin ich dir sehr dankbar. Du hast mir alles gegeben, was ich zum Leben gebraucht habe, aber gib mir meine Freiheit.“ Der alte Schäfer nickte und ging zurück. Auf dem Weg dachte er lange nach. Sein Vater war Schäfer gewesen und dessen Vater war auch Schäfer gewesen, so dass es klar war, dass er auch Schäfer wurde. War das der bessere Weg, wenn man keine Wahl hat, sondern der Weg vorbestimmt ist? Er wusste es nicht. Er schaute in die Sonne, er schaute auf die Wiese, wo seine Schafe standen. Morgen würde er den Zaun entfernen. Er gab seinen Schafen die Freiheit zu entscheiden, ob sie bei ihm bleiben wollten oder nicht.





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