31. Oktober 2026
Matthias Freudenberg zu einem aktuellen Thema:
Freiheit, die weiterwirkt
Eine Kammer auf der Wartburg. Schlichte, holzgetäfelte Wände, dunkle Balken, ein niedriges Schreibpult mit einfachem Holzstuhl. Gedämpftes Licht fällt durch die Butzenscheiben des kleinen Fensters. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Martin Luther, der im Winter 1521/22 dort das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Ganz freiwillig war sein Aufenthalt nicht, eher ein Hausarrest, wenn auch zu seinem Schutz. Weil er sich vor dem Kaiser und seinen Truppen in Sicherheit bringen musste.
Doch innerlich, so vermute ich, hat er gejubelt, als er den Satz des Apostels Paulus zu Papier brachte: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes“ (Römer 1,16).
Ein Satz wie ein Navigationsgerät: Er hilft, mit dem Evangelium von Jesus Christus durch Dick und Dünn zu steuern. Wie für Luther damals kann er auch unseren Kirchen heute Orientierung geben. Er hilft ihnen, auf Kurs zu bleiben und den Weg der Freiheit weiterzugehen. Genau das macht die Reformation aus: sich an der geschenkten Freiheit zu freuen und sich des Evangeliums nicht zu schämen. Obwohl Luther auf der Wartburg festsaß, konnte er sich von Gottes Liebe getragen wissen. Diese Freiheit machte ihn unabhängig von den äußeren Umständen und stärkte ihn darin, seiner Überzeugung treu zu bleiben.
In den fünf Jahrhunderten seither haben viele Menschen das Evangelium mutig und öffentlich bekannt. Ich denke an jene, die als Christenmenschen in Widerstand gegen den Nationalsozialismus traten, wie den Saarbrücker Katholiken Willi Graf oder den evangelischen Pfarrer Paul Schneider, der noch aus seiner Zelle im Konzentrationslager Buchenwald heraus predigte und anderen Trost zusprach. Sie schämten sich des Evangeliums nicht. Ihre Lebenswege waren verschieden. Doch beide zeigen, wie der Glaube Menschen stärken kann, auch unter größtem Druck für das einzustehen, was sie als wahr und richtig erkannt haben. Sie stehen stellvertretend für viele andere. Auch für jene Namenlosen, die (oft unbeachtet) ihren Glauben im Alltag leben und daraus Kraft und Mut schöpfen.
Sich der Reformation zu erinnern heißt, all dieser mutigen Menschen zu gedenken. All jener, die so frei waren und sich nicht geschämt haben, die Botschaft von Gottes Liebe neu für sich zu entdecken. Sie können auch uns heute ermutigen.
Das Evangelium ist eine Kraft Gottes. Es befreit aus der Enge und lässt neue Horizonte entdecken. Es kann Menschen fröhlich machen, mit anderen verbinden und zu mehr Menschlichkeit ermutigen. Wo das geschieht, kommt frischer Wind in die Kirche – und in die Gesellschaft. Dann kann aus Scham Mut werden, aus Angst Zuversicht. Ob auf der Wartburg, in Buchenwald oder heute im Saarland: Die befreiende Botschaft des Evangeliums kann Menschen auch in schweren Zeiten tragen und zum Handeln ermutigen.
Prof. Dr. Matthias Freudenberg ist seit 2012 Landespfarrer in der Evangelischen Studierendengemeinde Saarbrücken und Lehrbeauftragter an der Universität des Saarlandes.