06. Oktober 2019
Daniela Börger zu einem aktuellen Thema:

Nicht übereinander sondern miteinander reden


Am Donnerstag war der Tag der Deutschen Einheit, an diesem Sonntag feiern wir in der Kirche Erntedank. Ist es auch angebracht, dafür zu danken und zu feiern, dass es seit 30 Jahren wieder ein gemeinsames Deutschland gibt? Das bezweifeln vielleicht manche.

Mein Vater ist 1961 – kurz vor dem Mauerbau – aus der DDR geflohen. Als Kind und Jugendliche habe ich Reisen zur DDR-Verwandtschaft erlebt und jedes Weihnachten beim Pakete für die „armen Verwandten“ in der DDR geholfen. Anfang der 1980er und 1989 haben junge DDR-Verwandte bei uns gelebt. Ich habe also ganz persönliche Verbindungen in die „DDR“. Auch darum haben mich die Bilder vom 09. November 1989 zutiefst bewegt und gerührt.

Ich bin  immer noch überzeugt, dass es gut ist, dass es keine zwei „Deutschlands“ mehr gibt. Trotzdem ist längst nicht alles gut. Immer noch gibt es Grenzen in den Köpfen. Immer noch kennen wir einander nicht.

Oft fanden wir schon damals die DDR-Verwandtschaft gierig und teilweise fast schon unverschämt mit ihren Wünschen, was wir ihnen alles geben und mitbringen sollten. Dadurch, dass im Westen alles verfügbar war, konnten wir uns noch längst nicht alles leisten. Das konnten die „drüben“ aber nicht verstehen. Denn es gab auch manche aus dem Westen, die mit der Haltung „Was kostet die Welt?“ in der DDR ankamen und aus vollen Taschen alles mögliche verschenkt haben. Ihr seid doch reich und könnt alles haben! Warum könnt ihr uns nicht davon abgeben? Dieses Bild hatte „der Osten“ wohl von „dem Westen“.

Und heute? Heute könnte man das vielleicht im weltweiten Kontext so ähnlich vermuten: Ihr „im Norden“ in Westeuropa seid doch reich und könnt alles haben! Warum wollt ihr uns „aus dem Süden“, etwa in Afrika nicht davon abgeben?

Vielleicht müssten wir uns weniger Gedanken übereinander machen und weniger übereinander reden, sondern mehr miteinander.

Im biblischen Text aus dem Propheten Jesaja für den Gottesdienst am Erntedankfest heißt es: „Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden, wenn ihr den Hungernden zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag.“ (Jesaja 58,9f)

Schon in den biblischen Büchern wird uns empfohlen, dass wir uns – weil wir und wenn wir, Gott lieben – auch um einander bemühen sollen. Denen helfen, die Not leiden und dabei  nicht vergessen, dass sie Menschen sind, wie wir und dass wir auch einmal an ihrer Stelle sein könnten und auf die Hilfe von anderen angewiesen.


Daniela Börger Pfarrerin im Kirchenkreis Saar-Ost
Synodalbeauftragte für den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Kirchenkreis Saar-Ost
Pfarrerin Daniela Börger

 

 


Telefon: 06825 9703404




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