28. Juli 2019
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

"Nur ja die Ohren nicht hängen lassen!"


„Ja, die Welt ist dunkel. .... Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern … hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“.

Das soll der Theologe Karl Barth am Vorabend seines Todes im Dezember 1968 einem Freund am Telefon gesagt haben. Beim Lesen der üblichen Nachrichtenportale im Internet sind mir in der vergangenen Woche seine Worte wieder und wieder durch den Kopf gegangen.

Angesichts der kaum auszuhaltenden Trägheit beim Angehen der Aufgaben, die doch eigentlich nicht zu übersehen sind — Trägheit hat Karl Barth übrigens für eine Ausdrucksform der Sünde gehalten —, angesichts des weltweiten Erfolgs der dummen oder intelligenten Dreistigkeit hat es tatsächlich etwas Tröstliches, sich an Barths „Es wird regiert...“ zu erinnern. Es wäre ja auch schrecklich, wenn die Tweets aus unseren Hauptstädten das letzte Wort behielten.

Dann ist da aber auch noch das Vaterunser. Dort bitten wir: „Dein Reich komme“ (wörtlich „Deine Königsherrschaft komme“). Wenn man darum bitten muss, bedeutet das dann nicht, dass Gott eben noch nicht regiert? Oder wenn wir darum bitten, dass sein Wille geschehen möge, gestehen wir dann nicht zugleich ein, dass er eben noch nicht umfassend geschieht?

Im Blick auf manchen Schicksalsschlag finde ich es tröstlich, sagen zu können: „Nein, das war nicht Gottes Wille...“. Unsere Tradition kennt beide Vorstellungen, die eines Gottes, „der alles so herrlich regieret“, und die eines Gottes, der eben nicht alles lenken kann, der mit uns daran leidet und vielleicht gerade deshalb auf unser Tun wartet. Jede der beiden Vorstellungen hat ihren Reiz und ihre Zeit. Was aber immer seine Zeit hat, ist Barths Ermahnung: „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie!“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine kraftvolle Woche.





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