10. Juni 2018
Rudolf Renner zu einem aktuellen Thema:

„Wohin mit den Bildern im Kopf?“


Internetrecherchen zu Kinderpornographie, Kindesmisshandlungen, Verletzte oder sogar Tote bei Verkehrsunfällen, Häusliche Gewalt. Menschen in Berufen wie Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei haben ein erhöhtes Risiko diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen und daran psychisch zu erkranken.

Es gibt inzwischen viele Untersuchungen über die Belastbarkeit von Menschen, über ihre Grenzen und über ihre Fähigkeiten. Umso wichtiger ist deshalb die Vorsorge und das achtsame Umgehen mit sich selbst. „Wohin mit den Bildern im Kopf?“ – das ist der Titel eines Tagesseminars, das die Polizeiseelsorge für Polizeiangehörige einer Dienststelle im Juni anbieten wird. Und von solchen Bildern gibt es in der Tat mehr als genug. 


„Wohin mit den Bildern im Kopf?“ – das ist aber auch eine Frage für uns alle. Wir alle haben viele Bilder im Kopf, schöne und schlimme. Wie gehen wir damit um?
Da sind Bilder von schönen Ereignissen in der Familie. Die geben uns Kraft, zeigen uns, woher wir kommen und erinnern uns an schöne Momente. Manche hängen wir uns auf oder stellen sie auf den Tisch, damit wir sie vor Augen haben.

Da sind Bilder von Menschen, die unsere Wege gekreuzt haben oder mitgegangen sind – Vorbilder, Feindbilder oder noch ganz andere. Begegnungen mit Menschen prägen uns und sind tief in uns verankert. Wir freuen uns darüber, dass wir ihnen begegnet sind oder wir würden die Begegnungen mit ihnen am liebsten aus unserem Leben streichen. Aber Spuren bleiben in uns.

Und schließlich gibt es viele Bilder von Erfahrungen, die wir gemacht haben: Der Tod eines Menschen lässt uns nicht gleichgültig. Verletzungen bleiben lange spürbare Narben und sind mit Bildern verbunden. Momente tiefen Glücks verbinden wir mit der Nähe zu einem Menschen, mit ganz besonderen Naturbildern, mit Erfolg im Privaten und Beruflichen; sie geben uns lange Kraft und Ausdauer.

Wohin nun mit unseren Bildern? Bei den schönen ist es keine Frage; die nehmen wir gern mit und stellen sie uns auf. Bei den problematischen und traurigen ist es schon schwieriger. Es geht kaum, sie einfach zu streichen, denn wir tragen sie ja mit uns und sie sind ein Teil unserer Geschichte. Am schönsten wäre es, sich mit ihnen auszusöhnen. Aber das klappt leider nicht immer; sie in unser Leben einzupassen wäre schon sehr viel. Denn dann behindern sie wenigstens nicht mehr unseren Weg nach vorn.

„Du sollst dir kein Bildnis machen, weder von dem im Himmel noch von dem auf der Erde noch von dem unter der Erde“ lese ich in den 10 Geboten im 2. Buch Mose. Das ist zwar zuerst auf ein Bild von Gott hin gemeint. Aber es passt dann auch zu den Gedanken hier: Wir Menschen brauchen zwar Bilder und können ohne sie nicht leben. Wer sich aber in ein Bild – schön oder schlimm – verbeißt, verliert den Blick auf das eigene Leben. Deshalb ist es gut, den Bildern im eigenen Leben einen angemessenen Platz einzuräumen, nicht mehr und nicht weniger.

Ich wünsche Ihnen viele erholsame und anregende Bilder in der beginnenden Sommerzeit.
Rudolf Renner, Landespfarrer für Polizeiseelsorge





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