09. Januar 2020

Das Evangelische Stift St. Arnual


Die evangelische Stiftskirche ist das Herz von St. Arnual, das seit Ende des 19. Jahrhunderts zu Saarbrücken gehört. Unterhalten und verwaltet wird das historische Gemäuer auch heute noch von einem Stift.

Das hat zwar ausgedehnte Wälder und ein paar Immobilien. Doch kann das Stift heutzutage seiner Hauptaufgabe nur noch mit Hilfe seines Vermögens nachkommen. „Wir leben von der Substanz“, resümiert Pfarrer Rolf Kiderle (64), im Ehrenamt Vorsitzender des Verwaltungsrates.

Das Stift geht auf das 6. Jahrhundert zurück, als angeblich der Merowinger König Theudebert II. dem Metzer Bischof Arnual das damalige Dorf Merkingen schenkte. Im Mittelalter gab es fünf Vorläufer der heute sichtbaren Stiftskirche, die zwischen 1315 und Ende des 14. Jahrhundert gebaut wurde. Ob der Heilige Arnual auch hier bestattet ist, konnte nie bewiesen werden. Jedenfalls fand man auch in jüngster Zeit keine Gebeine, die dem Heiligen Mann zuzuordnen sind. Im Zuge der Reformation wurde das Stift 1575 evangelisch.

Stiftungszwecke waren neben kirchlichen auch schulische. Die Saarbrücker Grafen nutzen im Mittelalter das Vermögen des Stifts, um eine Latein-Schule zu gründen, die 1604 zum Ludwigsgymnasium wurde, dem ältesten Gymnasium Saarbrückens. Noch heute unterstützt das Stift den Schulverein des Gymnasiums mit jährlich mindestens 3000 Euro. „Zu sagen haben wir aber nichts mehr“, lacht Kiderle.

Und eher symbolisch - mit nur einigen Hundert Euro im Jahr - schlägt das Recht der Nachfolgegemeinden, die sich auf das Gebiet der ehemaligen elf Stifts-Gemeinden erstrecken, zu Buche. Sie bekommen die Hostien fürs Abendmahl umsonst – allerdings nicht den Wein.

Hauptaufgabe des Stifts bleibt die Unterhaltung der 700 Jahre alten gotischen Stiftskirche, eines der bedeutenden Baudenkmäler im Südwesten Deutschlands. Sie steht der Gemeinde St. Arnual mietfrei zur Verfügung.

Die Erhaltung der dreischiffigen Basilika kostet viel Geld. Der Sakralbau wurde zwischen 1980 und 1994 für 16 Millionen D-Mark grundsaniert. Der älteste Teil ist auf Fels gebaut, die im Laufe der Jahrhunderte angebauten Teile – wie der Chorraum – aber auf Schwemmland der knapp einhundert Meter daneben fließenden Saar. Als der Grundwasserspiegel fiel, drohte das Gemäuer einzustürzen. Es erhielt unter anderem einen Betonringanker und in den Humusboden wurden bis zu 20 Meter lange Pfähle gerammt.

Jetzt müssen neben dem Mauerwerk an und um die Kirche vor allem Teile des  Dachs saniert werden. Denn am Gebälk nagt der Holzwurm. Zudem sind Teile der Dacheindeckung marode. Wie viele der Schieferziegel ersetzt werden müssen, soll mit Hilfe einer Drohne festgestellt werden. „Das geht in die Hunderttausende. Das Geld haben wir aber im Moment nicht“, berichtet Kiderle.

Eindrucksvoll ist auch der Innenraum, in dem die kunstvoll gearbeiteten Grabdenkmäler der Grafen von Nassau-Saarbrücken aus der Mitte des 15. Jahrhunderts besichtigt werden können , darunter das der Elisabeth von Lothringen. Besonders stolz ist Kiderle auf die Orgel der Firma Kuhn.

Die wurde unter seiner Ägide 1995 dank der Stiftung eines St. Arnualer Ehepaars und mit kirchlicher und staatlicher Unterstützung angeschafft. Zu Gottesdiensten, bei Konzerten oder wenn Studierende der Hochschule für Musik üben, erfüllen französisch-romantische Klänge den Raum, wie sie sonst vor allem in den Kirchen des Nachbarlands zu hören sind.

Das Stift besitzt etwa 720 Hektar Wald. Der Stiftswald St. Arnual und der Stiftswald Krughütte bei Gersweiler/ Klarenthal sei heutzutage zum Problemkind geworden, „fast schon ein weiterer Stiftungszweck“, sagt Kiderle. Denn die Bewirtschaftung koste mehr als sie einbringe.

„Das Holz wird immer weniger wert“, sagt Kiderle. Derzeit macht den Waldbesitzern vor allem der nicht nur im Saarland wütende Borkenkäfer zu schaffen. Die Gefräßigkeit der Käfer zerstört viele Fichten. Dies  führt zu einer Holzschwemme auf dem Markt und lässt die Holzpreise sinken. Und die Orkane Vivian und Wiebke (beide 1990) sowie Lothar (1999) hatten das Stift bereits viel Geld gekostet.

Auch an den Kriegen des letzten Jahrhunderts leidet der kirchliche Waldbesitzer immer noch. Denn viele Stämme sind von Bomben- und Granatsplittern durchsetzt, die die Sägeblätter im Sägewerk kaputtmachen können. Hinzu kommen hohe Kosten für die Beseitigung von Müll, den Bürger illegal abladen. „Es gibt leider viele, die den Wald missbrauchen“, stellt Kiderle fest.

Auch die angesammelten Finanzmittel kann das Stift angesichts der anhaltenden Nullzinsphase kaum noch gewinnbringend anlegen. Bleiben Pacht und Miete für ein Forsthaus, ein Haus und eine Wohnung in St.Arnual sowie für Wohnungen und Büros am denkmalgeschützten Ludwigsplatz. Das alles reicht nicht aus, um die Kosten zu decken.

Das Stift hat in den vergangenen Jahren vor allem bei den Mitarbeitern gespart. Nach der Verrentung der einst etwa zehn Mitarbeiter im Forst, wurden keine neuen eingestellt. Die Stelle eines eigenen beamteten Försters hat jetzt ein Mitarbeiter vom Saar-Forst gegen Bezahlung übernommen. Die Waldarbeiten werden an Lohnunternehmen vergeben.

Das Stift beschäftigt heute nur noch eine Verwaltungssekretärin und auf einer Sechsstunden-Stelle ein geschäftsführendes Verwaltungsratsmitglied. Die anderen sieben Mitglieder des Verwaltungsrates, der sich vier Mal im Jahr trifft, arbeiten ehrenamtlich. Sogenannte geborene Mitglieder sind die Superintendenten der Kirchenkreise Saar-West und Saar-Ost, die anderen ernennt die Landeskirche für eine Amtszeit von fünf Jahren auf Vorschlag des Verwaltungsrats des Stiftes.

Wenn es das Stift nicht mehr gebe, müsse ein anderer für die Stiftskirche da sein, meint Kiderle „Aber das wollen wir nicht. Wir wollen so lange wie möglich weiter machen. Da achtet die Landeskirche schon drauf“, ist er überzeugt. Wenn Kiderle in einem Jahr als Pfarrer in den Ruhestand geht, werde er aber weiter für das Stift aktiv sein.





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